About

  "I am not a missionary. I do not want to change people, but maybe I can make them uneasy through provocation which has the potential to inspire them to recollect something good within themselves."
Peter Feiler
  "Ich bin kein Missionar. Ich will die Menschen nicht ändern. Aber vielleicht kann ich sie dazu bringen, dass sie durch die Auflehnung gegen die Provokation etwas Gutes entdecken."
Peter Feiler
  Dark scenes are revealed within the unconventional and highly emotive coloured pencil or ink drawings and paintings of the young Berlin artist Peter Feiler. Composed of single narrative factors and plots, whole world visions of atrocities that men can do to one other, surging from a claustrophobic constriction unfold through his delicate hatchings. Through the depths of mental agony provcated by the abysmal, the perverse and the darkness of life, Feiler seeks the allusive borders between the visible world and that of thought and imagination.

  The latent aggression in the protagonists’ gestures and impersonations is put into perspective by the works’ mellow colours and delicate execution. Thus, luring the viewers into their worlds and abating them in false safety only to hit them with the full impact of the brutality that resides in the very darkest places within the human soul: abuse, violation, torture and child rape, sometimes merely alluded, sometimes in blatant obviousness.

  Feiler is like a modern day Greek siren, attracting viewers by his beautiful skillful hand, and wispering them a lullaby filled with stories about the abject of humanity.
  Schaurige Szenen spielen sich ab auf den unkonventionellen Buntstift- und Tuschezeichnungen und Gemälden des jungen Berliner Künstlers Peter Feiler: Zusammengesetzt aus einzelnen Handlungsmomenten entfalten sich in feinen Schraffuren ganze Weltgebäude aus in klaustrophobischem Miteinander entstehenden Gräueltaten, die der Mensch dem Menschen antun kann. Im Negativen, Abgründigen, Perversen sucht Peter Feiler die fließende Grenze zwischen der sichtbaren Welt und der subjektiven Welt der Gedanken und Vorstellungen.

  Die latente Aggressivität in Gestus und Mimik der Protagonisten relativiert sich durch die sanfte Farbgebung und filigrane Ausführung der Blätter und zieht den Betrachter so in ihren Bann, nur um ihn derart in falscher Sicherheit wiegend mit der vollen Brutalität der schwärzesten Seite der menschlichen Seele zu konfrontieren: Missbrauch, Vergewaltigung, Folter, Kinderschändung, die er, mal nur angedeutet, mal in krasser Bildlichkeit vor Augen führt.
Artist statement – Peter Feiler
  Schon 1918 empfahl Oswald Spengler in seinem Werk “der Untergang des Abendlandes“ den Künstlern, ihre Pinsel beiseite zu legen und lieber Ingenieure zu werden. Seiner Ansicht nach waren schon damals die Leistungen unserer zur Zivilisation erstarrten Hochkultur nicht mehr im Bereich der bildenden Künste zu suchen. Die Sprachlosigkeit der Kunst vor den “Errungenschaften“ der Industrialisierung erinnert mich auch an Adornos Forderung, nach Auschwitz keine Gedichte mehr zu schreiben.
  Heute sehen wir uns einer gut geölten Kulturindustrie gegenüber, die sich in weiten Teilen inhaltlich vom Profitgedanken korrumpieren lässt. Den ungeheuren Budgets für Film und Musikprodukte, und der Verzahnung mit Merchandising (z.B. Computerspiele, Kaffeetassen) und medialer Präsenz auf globaler Ebene, kann der freischaffende Künstler in Eigenregie kaum etwas entgegen setzen.
  Ich behaupte, die Werbeindustrie erschafft wesentlich effektiver ästhetische und kulturelle Realitäten (Menschenbilder), als irgendwelche Kunstaktionen. Für die Zukunft sehe ich das Kulturschaffen in noch viel fundamentalerem Ausmaß den musealen Reliquien überlegen: durch die mehrwertorientierte kreative Neugestaltung des Menschen selbst, z.B. durch Gentechnik oder die Kopplung neuronaler Netze an eine virtuelle Realität. Dem könnte man entgegen halten, die Kunst sei im Gegensatz zu profanen Produkten zweckfrei.
  Das ist meiner Ansicht nach allerdings idealistische Augenwischerei: mit Kunst kann man Steuern sparen, Prestige erlangen und Geschmack beweisen oder einem Besitzfetisch, der Sammelleidenschaft nachgehen. Es ließe sich sogar das Kaufen zweckfreier Dinge, als eitler Auftritt einer zynischen Dekadenz interpretieren. Mithin kommt ein Museumsbesuch einer erkauften Erinnerung wahlweise an bessere oder schlechtere Zeiten gleich.
  Aber wollen wir den totalen Markt? Wollen wir ihn, wenn nötig, totaler und radikaler als wir ihn uns überhaupt erst vorstellen können?
Was mich antreibt, sind Ekel, Angst und Ohnmacht.
  Im Sozialismus gab es Staatsbetriebe, heute kommt es mir so vor als würden sich mehr und mehr Betriebsstaaten entwickeln, in denen Politikern demokratische Alibifunktion zukommt, und die sich selbst angreifen, um Energiekriege zu führen, oder die Patente auf Leben anmelden, um mit dem genetischen Bauplan Macht über biologische Ressourcen zu erlangen. Terror wird als Vorwand genommen, Demokratie auszuhöhlen und repressive Instrumente der Kontrolle und Überwachung zu installieren. Ich sehe aus dem Kontext von Handelsunionen das Generieren neuer Superstaaten, völlig undemokratisch und an der Stimme des Volkes vorbei. Gesetze werden von Lobbygruppen geschrieben, oder von Kanzleien, die gleichzeitig Konzerninteressen vertreten.
  Im Wettlauf um die Globalisierung ist der Neoliberalismus an erster Stelle. Aber Kapitalismus braucht keine Demokratie. Zu welch moralischen Sternstunden die moderne Kunst in unserer schönen neuen Welt fähig ist, darüber durfte ich mich in einer kunsttheoretischen Kotblüte eines gewissen Boris Groys belehren lassen. Der Autor vergleicht allen Ernstes die Exzesse in Abu Ghraib mit einer Kunstperformance. Die darin ersichtliche postheroische, zur Freiheit einladende Würdelosigkeit des Westens, sieht er als probates Mittel im symbolischen Tausch mit dem Märtyrertod der Terroristen.
´Den „gelassenen“ postheroische Umgang mit Krisen sehe ich als blasierte Stilisierung, und zugleich als Offenbarungseid vor einer vermeintlich komplexen Welt, in der der gesunde Menschenverstand sich seines Naturrechts nicht mehr sicher sein darf, selbst legitime Urteile fällen zu können. Zum Beispiel darüber, dass das Zinssystem einer Versklavung gleichkommt, oder dass drei riesige Stahlkonstruktionen nicht mit zwei Flugzeugen fachgerecht zerlegt werden können. Die Selbsterniedrigung und Entwürdigung in der modernen Kunst so wie Groys sie positiv formuliert, sehe ich viel eher, ohne mich selbst auszuschließen, als psychologische Kompensation der eigenen Machtlosigkeit. Auf einem der nächsten Bilder sei ihm eine Folterbank reserviert.
Schattenseiten - Peter Feiler
  Lakonisch und unbewegt sitzt ein Mann, die Bierdose in der Hand, ein aufgeschlagenes Buch auf den Beinen auf der Bank einer Bahn, die an fleischfarbenem Rauch spuckenden Industriegebäuden vorüber fährt. In seinem offenen Hemd liegen seine Eingeweide brach; Kopf und Gesicht sind nur Sehnen und Knochen, aus denen glanzlose Augen in Nichts starren als hätte man die Haut, den Schutz gegen die Außenwelt abgezogen und festgestellt, dass sich nichts Geheimnisvolles hinter der äußeren Hülle verbirgt, kein Funke, keine Leidenschaft, nur sich in der Leere auflösende, dumpfe Einsamkeit, abgeschottet von dem Geschehen um ihn herum: eine zweite, weibliche Figur, nackt bis auf noch weniger als die bloße Haut, Arme und Beine in Schmerzen verkrümmt scheint sich in Agonie aufzulösen, während nackte Kinder wie Kobolde durch das Bildfeld tanzen…

  Eine Szene, die direkt in die Monotonie des Alltäglichen, in den freudlosen Alltagstrott der scheinbar immer gleichen Irgendjemande in einer inventarisierten Umgebung blickt und deren Innerstes im wahrsten Sinne nach Außen kehrt: Es offenbart sich ein Blick auf eine verheerende Gefühlswelt der Protagonisten in der weiten Spanne zwischen völliger Resignation, Sinnsuche und einem fast existentialistischen Weltschmerz (S-Bahn-Szene, 2002).

  Die Experimentierfreudigkeit und Vielseitigkeit, die in den Arbeiten Peter Feilers (*1981, Halle an der Saale) zum Vorschein kommen, machen seine Arbeiten schwer greifbar. Doch die Fülle von Themen, von orgiastischen über ganze Weltsysteme bis hin zu einer beiläufigen Kritik der hoch intellektualisierten Egomanie der Gegenwart
(das Paradoxon einer individualisierten Gesellschaft, 2001), die er wie in einem Wirbel in seinen bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Bildern behandelt, drehen sich um das zentrale Thema der Abgründe des menschlichen Seins.

   Durch das ungewöhnliche Medium Buntstift relativiert Peter Feiler seine Groteskerien mit einer pastellartigen Farbigkeit und gibt dem brisanten Topos dessen, „was der Mensch dem Menschen antun kann“ (Peter Feiler) eine unschuldig-kindliche Patina, die in starkem Kontrast zu den anzüglichen, fast pornografischen Posen mancher seiner Protagonisten steht:

  In der „Reifeprüfung“ (2002) verbirgt sich eine latente Aggressivität in Gestus und Mimik der Protagonisten hinter der sanften Farbgebung und filigranen Ausführung der übergroßen Blätter der giftigen Dieffenbachia und zieht den Betrachter in den Bann ihres Detailreichtums, nur um ihn derart in falscher Sicherheit wiegend mit der vollen Brutalität der schwärzesten Seite der menschlichen Seele zu konfrontieren: Missbrauch, Vergewaltigung, Folter, Kinderschändung, die Peter Feiler mal nur angedeutet, mal in krasser Bildlichkeit vor Augen führt. „Ich bin kein Missionar“, sagt Feiler über sich selbst, „Ich will die Menschen nicht ändern. Aber vielleicht kann ich sie dazu bringen, dass sie durch die Auflehnung gegen die Provokation etwas Gutes entdecken.“

  „Sex hat sehr ambivalente Konnotationen“ erklärt Feiler, und so konzentrieren sich seine orgiastischen Federzeichnungen vor Allem auf die negativen, manischen Aspekte eines zum Industrieprodukt degradierten
Geschlechtsakts. Es wimmelt von nackten Leibern, offenen Wunden, von zugleich abstoßenden und faszinierenden Details, von Gier, Geilheit, Selbstverletzung und der psychotischen Lust an Schmerz und Zerstörung – ein Porträt der Schattenseiten der menschlichen Seele (Feier, 2003), deren Konsequenzen er in der Zeichnung „Der letzte Mensch“ (2002) vorschlägt: Mit glänzenden schwarzen Augen lauert eine Spinne dem alten, gebrochenen Mann auf, hinter dem ein Knochenmann – sein Alter Ego? Die Hybris selbst? – sich vor der kolossalen Architektur im Hintergrund aufbäumt.

  Das epische Ausmaß seiner offenen Erzählweise, die sich aus einzelnen Fragmenten und Bruchstücken zu einem verwirrenden Geflecht unterschiedlichster Zusammenhänge spinnt, lässt ein Weltengemälde entstehen, in dessen Figurengewimmel Menschen mit gigantischen Insektenlarven kämpfen, bierbäuchige Reiter über die Dächer einer unwahrscheinlichen, einer unmöglichen Stadt galoppieren und sich kopfüber fast wie ein Mond eine alternative Welt ins Bild schiebt. Die Grenzen zwischen Spaß und Horror zerfließen. Bruchstückhaft aufflackernde Szenen greifen ineinander, wirbeln in ein Blitzlichtgewitter widersprüchlicher Assoziationsketten: Peter Feiler spielt das Sichtbare gegen das Bemerkbare aus (Hüpf, Hopf, 2003). Er bietet keine Lesrichtung an, er verzichtet auf den roten Faden und zwingt den Betrachter, sich auf die Komplexität, die Verknotungen und humorvollen Details eines selbstreferentiellen Systems einzulassen und eine eigene Geschichte daraus zu formen.

© Katharina Klara Jung